Was ich am Brühl in Chemnitz über Verstetigung gelernt habe

Franziska Kalkbrenner • 16. Juli 2026

Handlungskonzept zur Verstetigung von Akteursnetzwerken

Von Juli bis Dezember 2024 war ich an einem Prozess zur Verstetigung von Akteursnetzwerken am Brühl in Chemnitz beteiligt. Im Auftrag von Kreatives Chemnitz e.V. und der Stadt Chemnitz erarbeitete ich in Kooperation mit CivixX – Werkstatt für Zivilgesellschaft ein Handlungskonzept zur Entwicklung selbsttragender Strukturen für den Brühl.


Ziel war es, gemeinsam mit lokalen Akteur*innen Wege zu finden, wie der Brühl nach dem Auslaufen bisheriger Förder- und Managementstrukturen dauerhaft belebt und als attraktiver Geschäfts-, Lebens- und Begegnungsraum gestärkt werden kann. Dafür haben wir bestehende Entwicklungen ausgewertet, Tiefeninterviews geführt, Straßenbefragungen durchgeführt und mehrere Workshops mit lokalen Akteurinnen umgesetzt.

Das erarbeitete Handlungskonzept beschrieb Maßnahmen zum Aufbau tragfähiger Netzwerkstrukturen, konkrete Ideen zur Belebung und bessere Kommunikation sowie Ansätze für eine langfristig finanzierbare Kümmerer- bzw. Managementstruktur.

Colorful row houses along a sunny, tree-lined city street with parked cars and deep shadows

Auf den ersten Blick ging es also um eine klassische Frage der Quartiersentwicklung: Wie kann ein Ort im Zusammenspiel von Akteuren, Stadt und Politik lebendig bleiben - insbesondere, wenn bisherige Förder- und Managementstrukturen auslaufen? Wie üblich beginnt man also mit einer Bestandsaufnahme und Analyse und leitet dann daraus Strategien und Maßnahmen ab, die sich um Verantwortlichkeiten, Kommunikation, Finanzierung, Engagement und Organisation drehen.


Aber wie immer wird vor Ort schnell klar: Jeder Ort ist einzigartig und bringt seine ganz eigenen Herausforderungen mit sich. So schreibt z.B. der Brühl im Kontext der Chemnitzer Stadtentwicklung bereits eine sehr intensive Aktivierungs- und Engagementgeschichte mit all den Aufs und Abs und allen Motivationen und Ermüdungserscheinungen, die dazugehören.

Die eigentliche Herausforderung: Verstetigung braucht Ownership...

Je tiefer wir in die Erfahrungen der Akteur*innen am Brühl eingestiegen sind, desto deutlicher wurde für mich, dass die Herausforderung für eine Verstetigung der vorhandenen Engagement-Netzwerke weniger darin lag, realistische Maßnahmen zur Belebung und zum Aufbau selbsttragender Strukturen zu entwickeln. Vielmehr bestand sie darin, trotz unterschiedlicher Erwartungen, Vorerfahrungen und Ressourcenlagen, „Ownership“ bzw. die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme zu erzeugen.


Denn wenn Förder- und Managementstrukturen auslaufen, entstehen Lücken in der Organisation der Strukturen und Prozesse vor Ort. Und damit entsteht auch eine Lücke bei der
Verantwortung. Dann stehen Fragen im Raum wie:

  • Wer kümmert sich künftig?
  • Wer kann etwas tragen? Wer hat die Ressourcen dafür?
  • Wer will das überhaupt (noch)?
  • Was kann von lokalen Akteur*innen realistisch erwartet werden? Was braucht es von Seiten der Stadt?
  • Und: Woran würde man merken, dass es sich lohnt, wieder oder weiter Energie einzubringen?


Diese Fragen sind vielleicht unbequem - vor allem, wenn Enttäuschungen in der Vorgeschichte oder Ermüdung eine Rolle spielen. Aber sie sind zentral. Denn ein Handlungskonzept kann zwar Orientierung geben, indem es Maßnahmen bündelt, Vorschläge macht und nächste Schritte beschreibt. Aber ob diese Handlungsimpulse tatsächlich aufgenommen werden und eine Umsetzung entsteht, hängt auch davon ab, ob Menschen bereit und in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen. Diese Bereitschaft ist am Ende eines Prozesses nicht automatisch gegeben.

... und Ownership braucht Ressourcen

Verstetigung beginnt nicht erst nach Projektende. Und sie ist erst recht kein Selbstläufer. Wenn am Ende eines Projekts selbsttragende Strukturen entstehen sollen, muss die Frage nach Verantwortungsübernahme / Ownership früh im Prozess gestellt werden – damit die Antwort darauf Teil der Lösung werden kann.


Denn wenn ein Handlungskonzept auch wirklich Handlung erzeugen soll, reicht es nicht aus, zu fragen: „Wer macht’s?“

Es muss auch gefragt werden, was diese Person, Gruppe oder Struktur dafür braucht.


Das geht am besten, wenn die Maßnahmen gemeinsam mit denjenigen entwickelt werden, die sie später auch umsetzen müssen. Dabei werden Hürden und Vorbehalte direkt sichtbar und können konstruktiv bearbeitet werden, z.B. indem (enttäuschte) Erwartungen aneinander ausgesprochen und konkrete Absprachen für die Zukunft getroffen werden.

Das sind basale Grundlagen für vertrauensvolle Zusammenarbeit - im Team wie im Quartier.

Sunlit quiet street with a long beige building and a large blue star sculpture beside a shallow reflecting pool

Was ich für mich mitnehme

Mein zentrales Learning: Ein guter Prozess macht Dinge sichtbar und zeigt Lösungen auf. Ein idealer Prozess bildet zusätzlich die Grundlagen dafür aus, dass diese Lösungen auch umgesetzt werden können, weil die Bedingungen für Ownership – also für Verantwortungsübernahme – geklärt werden.


Nicht jeder Prozess kann das vollständig leisten. Zwischen dem Ideal und dem, was in einem konkreten Auftrag möglich ist, besteht meist eine Lücke. Entscheidend ist für mich, mir dieser Lücke bewusst zu sein, während ich darauf achte, dass die Frage nach Verantwortungsübernahme früh genug im Prozess gestellt wird.

Abstract watercolor splashes in pink, red, blue, and yellow on a white background
von Franziska Kalkbrenner 22. Juni 2026
Ich bin der Meinung, dass wir zu wenig darüber reden, wie sich Veränderung anfühlt, wenn man mittendrin steckt. Alle durchlaufen Entwicklungsprozesse und es gibt Phasen im Leben, in denen vieles zusammenkommt. Sätze wie „Eigentlich ist gerade alles zu viel“ oder „Ich komme nicht hinterher“ höre ich sowohl von Teams als auch von Menschen in der individuellen Veränderungsarbeit immer wieder. Da habe ich mich gefragt: Wie geht man damit um, wenn es einen individuell oder als Team mal wieder so richtig durchschüttelt? Wie findet man Halt, obwohl sich viel bewegt, und wie erlangt man Klarheit für den nächsten Schritt? Und was passiert, wenn wir nicht verarbeiten, was uns geschieht? Ich persönlich merke dann zum Beispiel, dass ich reizbarer werde. Ich fühle mich schneller gestresst und habe das Gefühl, immer schlechtere Entscheidungen zu treffen. Einerseits, weil ich mich eher getrieben fühle, statt selbst zu steuern, wohin ich will . Zum anderen entgeht mir ohne Verarbeitungszeit die Chance, aus meinen Erfahrungen zu lernen . Ähnliches beobachte ich im Gruppenkontext: Auch Teams sind in manchen Phasen so hohen Arbeitsbelastungen ausgesetzt, dass ihnen wenig Zeit bleibt, um in Ruhe etwas nachzubesprechen oder Störgefühle auszuräumen. Wenn es auch zu einem späteren Zeitpunkt keinen Raum für Reflexion gibt, verliert das Team die Chance, aus dem eigenen Prozess zu lernen. Spannungen bleiben ungelöst und wertvolle Potentiale zur Verbesserung der Zusammenarbeit werden nicht genutzt. Darunter leidet irgendwann auch die Qualität der Arbeit. Eigentlich schade, oder? Hier sind fünf wesentliche Schritte, die ich immer wieder gehe, um mich zu zentrieren, wenn es besonders turbulent zugeht. Die Schritte sind eher individuell formuliert. Sie lassen sich aber genauso auf Teams übertragen - dazu später mehr an anderer Stelle.
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von Franziska Kalkbrenner 9. Mai 2025
Gerade bei emotionalen Themen entstehen in Veranstaltungen der Bürgerbeteiligung schnell Konfrontationen und Streitgespräche. Um einen konstruktiven Austausch zum Thema zu ermöglichen, nutzten wir beim Bürgergespräch Medienvertrauen in Sachsen 2025 einen anderen Ansatz. So kamen die Bürger/-innen wirklich ins Gespräch miteinander und ihre Fragen standen im Fokus der Podiumsdiskussion.
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von Franziska Kalkbrenner 1. März 2025
Wer schon mal Bürgerinnen und Bürger auf einer öffentlichen Beteiligungsveranstaltung um Feedback für eine Planung o.ä. ersucht hat, der weiß: Nicht immer passt das, was man kriegt, zu dem, was man sucht.
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von Franziska Kalkbrenner 15. März 2024
Was in der (Stadt-)Forschung transdisziplinäres Arbeiten ist, heißt in der Verwaltung integriertes Arbeiten. Um mit der Stadtentwicklung den komplexen Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen, braucht es auch in Verwaltungen die Fähigkeit, fachübergreifend zu denken und zu arbeiten. Beteiligungsverfahren gewinnen an Qualität, wenn die einzelnen Mitarbeiter*innen der Fachabteilungen sich bewusst sind, dass ihre Planung nicht isoliert zu betrachten ist. Noch besser wird es, wenn sich dieses Bewusstsein in ihrer Projektplanung und dem Beteiligungskonzept spiegelt. Mein Ansatz ist es, Mitarbeiter*innen der Verwaltung genau dahingehend zu stärken. Denn ich bin überzeugt: Wenn „die Forschung“ das transdisziplinäre Arbeiten lernt, dann kann es „die Verwaltung“ auch.