Wie bleibt euer Team zentriert, wenn es turbulent wird?
Der Zentrierungszyklus – fünf Elemente für mehr Klarheit unter Druck
In einem meiner letzten Beiträge ging es um Halt und Klarheit in Zeiten von Veränderung. Heute möchte ich genauer anschauen, wie sich die fünf Elemente des „Zentrierungszyklus“ auf Teams übertragen lassen.
Wie behalten Teams die Oberhand, wenn es bei ihnen besonders turbulent zugeht? Wie bleiben sie unter hohem Druck klar in ihrer Ausrichtung und kraftvoll in ihrer Zusammenarbeit?
In Phasen mit hoher Arbeitsbelastung handeln Teams sehr viel. Aber sie handeln vielleicht getrieben, reaktiv, unüberlegt oder auf Kosten der Zusammenarbeit. Denn wenn viel läuft, bleibt oft wenig Zeit und Raum, um zu erkennen, was der Prozess mit dem Team und seinen Mitgliedern macht.
Doch genau das ist wichtig für eine konstruktive Zusammenarbeit: Teams brauchen nicht nur Ziele und Aufgabenlisten, sondern auch Momente, um wahrzunehmen, was gerade wirkt - Momente, in denen sie Spannungen besprechen, sich zentrieren und ausrichten können. Ohne solche Reflexion verpassen sie die Chance, aus dem eigenen Prozess zu lernen. Das verschenkt wertvolle Potenziale für gute Zusammenarbeit und kann die Qualität ihrer Arbeit mindern.
Die fünf Elemente der Teamzentrierung im Überblick
Welche fünf Elemente helfen Teams, in turbulenten Phasen zentriert und ausgerichtet zu bleiben?
- Pause einlegen – das Abarbeiten bewusst stoppen und als Team wieder die Steuerung übernehmen
- Nüchterne Bestandsaufnahme – Mensch und Team nicht als Maschine betrachten und alle Belastungsfaktoren anerkennen
- Raum für Gefühle – ohne sich gegenseitig zu „therapieren“
- Milde und Freundlichkeit – für Vertrauen, Offenheit und Perspektivenvielfalt
- Ausrichten an gemeinsamen Orientierungspunkten – Vision, Purpose und Ziele helfen beim Priorisieren
Was verbirgt sich genauer dahinter, und wie könnt ihr das als Team im Alltag umsetzen? Im Folgenden gehe ich auf alle Elemente nochmal genauer ein.

1. Pause: Aus der Hektik in die Steuerung
Der erste Schritt ist, die operative Hektik mal kurz links liegen zu lassen und dem größeren Ganzen Raum zu geben. Mit der bewussten Entscheidung, eine gemeinsame Pause einzulegen, kommt ihr aus einem Getrieben-Werden in aktive Handlung und signalisiert:
Wir übernehmen Verantwortung für unseren Prozess.
Es muss ja nicht gleich ein Teamausflug sein (könnte aber!). Auch ein gemeinsames Mittagessen, ein Spaziergang oder mal die letzte Stunde vor Feierabend könnt ihr dafür nutzen, die Aufgaben kurz Aufgaben sein zu lassen und durchzuatmen.
Pausen wirken beruhigend und aktivieren neue Ressourcen. Das hilft euch dabei, euch selbst zu steuern und auch als Team bessere Entscheidungen zu treffen. (1)
2. Bestandsaufnahme: Alles auf den Tisch
Anzuerkennen, was ist, ist der Ausgangspunkt für jede erfolgreiche Veränderung. Und Veränderung ist der Normalzustand – ob wir wollen oder nicht. Denn:
Menschen und Teams sind keine Maschinen, sondern lebendige Systeme, die von äußeren und inneren Faktoren beeinflusst werden.
Private, gesellschaftliche oder organisatorische Umstände wirken auf euch selbst und euer Zusammenwirken im Team ein. Ein Beispiel: Die Corona-Pandemie. Plötzlich mussten Teams Homeoffice bewältigen, Kinder zuhause selbst beschulen und neue Ängste aushalten. Das veränderte Abläufe im Team, die Kommunikation, den Stresspegel usw.
Wenn ihr also eure Teamprozesse bewusst steuern und auch unter Belastung zentriert bleiben wollt, nehmt euch die Zeit und macht regelmäßig sichtbar, was auf euch – im Einzelnen wie im Ganzen – einwirkt. Auch hier eignet sich z.B. der Check-in beim Team-Meeting. „Wie bist du hier?“ oder „Was bewegt uns gerade (noch)?“ – und wenn ihr ganz mutig seid, atmet ein paar Mal gemeinsam tief ein und aus.
Wenn ihr mehr Zeit habt, könnt ihr das strukturierter angehen und eure Belastungsfaktoren z.B. in einem gesonderten Termin gezielt sammeln und reflektieren. So entsteht ein klareres Bild der aktuellen Lage.
3. Gefühle: Zulassen und aushalten
Oft spürt man Überforderung erst so richtig, wenn sie einem bewusst geworden ist. Dann kann einiges hochkommen. Teams können sich hier einen Raum schaffen, in dem Überforderung und Gefühle da sein dürfen, ohne sofort „repariert“ werden zu müssen.
Wie das geht? Setzt euch zusammen. Redet darüber. Schenkt euch diesen Moment und sagt euch gegenseitig:
„Es ist okay. Es ist vielleicht gerade viel. Und das ist okay.“
Achtet darauf, dass ihr nicht in eine vorschnelle Lösungsdynamik oder in den Rettermodus verfallt, z.B. indem ihr unaufgefordert und unmittelbar Aufgaben abnehmt, um das Teammitglied zu entlasten. Ihr müsst noch nichts ändern. Schon allein wahrnehmen hilft oft. Wichtig dabei: Ihr seid nicht für die Gefühle eurer Teammitglieder verantwortlich, nur für eure eigenen. (2)
Zugegeben, Gefühle am Arbeitsplatz sind vielerorts noch unüblich. Dabei hat die Hirnforschung schon in den 1990er-Jahren bestätigt: Wir sind keine rein rationalen Wesen. Gefühle beeinflussen uns, unser Denken und Handeln– und damit auch unsere Kommunikation und Zusammenarbeit. (3) Das Magazin für Neues Arbeiten „Neue Narrative“ widmete diesem Thema letztes Jahr sogar eine ganze Ausgabe. In ihrem Text „Wir brauchen mehr Fühlungsqualitäten“ fasst Laura Erler zusammen:
„Ein bewusster Umgang mit Gefühlen verbessert die Arbeitskultur: Emotionale Kompetenz – das Wahrnehmen, Verstehen und Nutzen von Gefühlen – ist entscheidend für gesunde, leistungsfähige Teams und Organisationen.“ (4)
Emotionale Kompetenz ist dabei keine feste Eigenschaft, sondern lässt sich trainieren. Wer mehr darüber wissen will, sollte einen Blick in das Heft werfen.
4. Milde: Vertrauen ermöglicht Lernen
“The only thing I do know... is that we have to be kind. Please, be kind - especially when we don't know what's going on.”
Dieses Zitat der Figur Waymond Wang aus dem Film Everything Everywhere All At Once von 2022 sagt schon ziemlich alles:
Seid freundlich zueinander. Und milde mit euch selbst.
Was klingt wie ein No-Brainer, der aus einem Selbsthilfebuch entlaufen ist, ist in Wahrheit eine ziemlich essenzielle Grundlage für eine konstruktive Zusammenarbeit und gute gemeinsame Lösungen - besonders dann, wenn der Druck von außen zunimmt oder die Dinge unübersichtlich werden. Warum?
Milde und Freundlichkeit schaffen Vertrauen, und Vertrauen öffnet die Türen für andere Perspektiven.
Wer sich sicher fühlt, teilt eher seine Sicht auf die Dinge. Viele Perspektiven auf ein Problem wiederum helfen euch, es besser zu verstehen und eine Lösung zu finden, die für alle passt. Außerdem ist es in vertrauensvoller Umgebung leichter, Fehler einzugestehen und daraus für die Zukunft zu lernen. Auch wird es leichter, Fehler einzugestehen und gemeinsam zu schauen, was ihr daraus für die Zukunft lernen wollt. (5)
Wenn ihr euch also milde begegnet, öffnet ihr euch füreinander. Doch wenn ihr hart seid und um jeden Preis an eurer Meinung festhalten oder die Deutungshoheit behalten wollt, verschließt ihr euch voreinander und vor den Potentialen, die in der ehrlichen Synthese eurer Perspektiven und Fähigkeiten liegen.
5. Ausrichtung: Woran wir uns orientieren
Wisst ihr, wo ihr hinwollt? Wofür ihr zusammenarbeitet? Und: Seid ihr euch darüber einig?
Purpose, Vision, Mission und Ziele - das sind nicht ohne Grund zentrale Themen vieler Team-Methoden und Workshops. Sie bieten Orientierung, besonders in unübersichtlichen Zeiten oder wenn Entscheidungen anstehen.
- Wofür stehen wir?
- Was wollen wir erreichen?
Diese Fragen helfen, Prioritäten zu setzen. Ihr volles Orientierungspotential entfalten sie meiner Erfahrung nach jedoch erst, wenn ihr
- euch bewusst Zeit für Reflexion nehmt,
- wahrnehmt und ehrlich anerkennt, wo eure Ressourcen derzeit überall gebunden sind, und
- einen vertrauensvollen Umgang miteinander pflegt, sodass alles, was euch als Team bewegt, sichtbar und verhandelbar werden kann.
Denn erst dann könnt ihr euch die wichtigste Frage für euer Handeln ehrlich beantworten:
Was braucht es jetzt?
Zusammenfassung
Die fünf Elemente für Klarheit und Halt in Veränderungsprozessen lassen sich auf Teams übertragen:
Der Zentrierungszyklus hilft Teams, auch in schwierigen Phasen handlungsfähig zu bleiben:
- durch bewusstes Innehalten,
- ehrliche Bestandsaufnahmen,
- das Zulassen von Gefühlen,
- Milde im Umgang miteinander
- und eine klare Ausrichtung auf das Wesentliche.
So bleiben Teams nicht nur arbeitsfähig, sondern wachsen miteinander.
(1) vgl. Sonnentag, S., Cheng, B. H., Parker, S. L. (2022). Recovery from Work: Advancing the Field Toward the Future. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior 9:33-60. https://doi.org/10.1146/annurev-orgpsych-012420-091355
(2) Ein Hinweis an dieser Stelle: Teams sind keine Therapie. Holt euch externe Unterstützung, wenn ihr sie braucht, z.B. über einen Betriebsarzt oder Beratungsstellen.
(3) siehe z.B. die Forschungen von António R. Damásio zu Emotion und Entscheidung (1995); zu neueren Erkenntnissen vgl. Barrett, L. F. (2017). How Emotions Are Made. Pan Macmillan; sowie zur Wirkung von Emotionen auf Teamprozesse: Barsade, S. G., Coutifaris, C. G. V., & Pillemer, J. (2018). Emotional contagion in organizational life. Research in Organizational Behavior, 38, 137–151.
(4) Erler, L. (2025). Wir brauchen mehr Fühlungsqualitäten. Neue Narrative. Magazin für neues Arbeiten. Gefühle. #24, S. 17.
(5) vgl. die Forschungen von Amy Edmondson zu psychologischer Sicherheit im Team, z.B. Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383







